Sexualleben nach der Transplantation

Sie haben vor kurzem ein Spender­organ erhalten. Meist liegen eine lange Warte­zeit und ein langer Krankheits­verlauf hinter Ihnen. Nun können Sie sich langsam auf Normalität und einen geregelten All­tag freuen. Auch der Wunsch nach Nähe, Liebe und Geborgen­heit, der die Sexualität mit ein­schließt, wird wieder mehr in den Vorder­grund treten.

Mit den nachfolgenden Informationen möchten wir Ihnen die Scheu vor Fragen zu intimen Themen nehmen sowie Ängste und Sorgen ab­bauen. Haben Sie keine Hemmungen, diese Wünsche mit Ihrem Transplantations­zentrum zu besprechen.

Auch transplantierte Patientinnen können einen erfüllten Kinder­wunsch haben. Viele gesunde Kinder wurden in den letzten Jahren geboren. Bei einem Kinder­wunsch sollten Sie stets frühzeitig mit Ihrem Transplantations­zentrum Kontakt aufnehmen. Weitere hilf­reiche Informationen und Tipps finden Sie in unseren Patientenbroschüren.

Nähe ist Lebensqualität

Warum ist die Sexualität wichtig?

Die Sexualität erfüllt unser Grund­bedürfnis nach Nähe, Berührung und Ver­gnügen und stellt einen wichtigen Faktor für die Lebens­qualität dar. Wenn es um die Gesund­heit geht, wird die für uns wichtige Sexualität in der Regel zweit­rangig. Doch spätestens nach der Transplantation stellt sich häufig die Frage: „Werde ich je wieder ein „normales“ Sexual­leben führen können?“

Mit den nachfolgenden Tipps können Sie sich darüber informieren, welche Aus­wirkungen eine Transplantation auf Ihr Sexual­leben haben kann, was Sie beachten sollten und wie Sie sich den Wunsch nach Kindern erfüllen können.

Themen, die Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Kranken­schwester vor Ihrer Organ­transplantation diskutieren können

Frauen/Männer:

  • Wann kann ich nach der Transplantation wieder Sex haben?
  • Muss ich damit rechnen, dass nach der Transplantation sexuelle Probleme auftreten?
  • Was ist, wenn sich meine sexuellen Probleme nicht so verbessern, wie ich es mir erhofft habe?
  • Muss ich beim Sex irgendetwas beachten?

 

Frauen:

  • Ist eine Schwanger­schaft nach der Transplantation möglich?
  • Wann ist der beste Zeit­punkt für eine Schwanger­schaft?
  • Sind Immun­suppressiva problematisch für mein un­geborenes Kind?
  • Kann ich nach einer Transplantation die Pille nehmen?

 

Männer:

  • Ist meine Erektionsfähigkeit nach der Transplantation gestört?
  • Bin ich nach der Transplantation noch zeugungsfähig?
  • Muss ich ein Kondom tragen?

Wie wirkt sich eine Transplantation auf mein Sexual­leben aus?

  • Ein Sexualleben ist nach der Transplantation ohne Bedenken praktizierbar.
  • Sie sollten vier bis sechs Wochen nach der Operation mit dem Geschlechts­verkehr warten, bis Stabilität in Ihr Leben gekommen ist; es ist wichtig, sich mit dem Partner über Ängste, Hoffnungen und Träume sowie über sexuelle Probleme auszutauschen.
  • Transplantations­bedingte körperliche und psychische Ein­schränkungen können das Sexual­leben und damit die Lebens­qualität beeinflussen.
  • Sexuelle Fehl­funktion (sexuelle Dysfunktion) bzw. vermindertes Ver­langen nach sexueller Aktivität (Libido) ist bei beiden Geschlechtern häufig.
  • Bei Frauen stehen Libido- und Zyklus­störungen im Vorder­grund, bei Männern Erektions­störungen.

 

Kann sich eine Transplantation positiv auf meine Sexual­funktion auswirken?

  • Im Allgemeinen verbessert sich die durch die Dialyse­behandlung verschlechterte sexuelle Funktion nach einer Nieren­transplantation, manchmal zeigt sich aber auch eine Ver­schlechterung.
  • Eine Leber­transplantation sollte die sexuelle Aktivität von Männern wieder steigern; die erektile Funktions­fähigkeit ist aber häufig weiterhin durch Immun­suppressiva gestört.

Gründe für eine Fehl­funktion der Sexualität bei Organ­transplantierten

Körperliche Einschränkungen:

  • Nebenwirkungen durch Medikamente
  • Müdigkeit und Abgeschlagenheit
  • Unkontrollierter Blutzucker
  • Bei Männern: Potenz­störung, Erektions­störung, Impotenz (erektile Dysfunktion)
  • Bei Frauen: Vaginale Trockenheit, Hefe-Infektionen etc.


Psychische Einschränkungen:

  • Geringes Selbst­wertgefühl (verändertes körper­liches Erscheinungsbild:
    Gewichtsverlust oder -zunahme, Ausdünnung der Haare)
  • Depression und Angst
  • Verlust der Intimität
  • Libidoverlust

Bei sexuellen Problemen sprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt.

Gibt es eine Möglichkeit, meine vaginale Trocken­heit zu behandeln?

  • Zahlreiche hormon­freie Gleit­cremes und -gele verringern die Reibung beim Geschlechts­verkehr. Der Mangel an Feuchtig­keit kann so ausgeglichen werden.


Gibt es Möglichkeiten, meine erektile Funktion wiederzuerlangen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine erektile Dysfunktion zu behandeln:

  • 5-Phosphodieste­rase(PDE-5)-Hemmer sind Arznei­mittel, die die Aktivität des Enzyms Phosphodieste­rase hemmen und im Zusammen­spiel mit sexueller Erregung eine Erektion ermöglichen. Durch die Einnahme von PDE-5-Hemmern kann die erektile Dysfunktion z.B. bei Nieren­transplantierten verbessert werden, ohne die Wirksamkeit der Immun­suppressiva zu beeinflussen.
  • Schwellkörper­autoinjektions­technik bezeichnet Medikamente, die der Mann bei Bedarf selbst in den Schwellkörper spritzt oder in die Harn­röhre einbringt.
  • Penisvakuum­pumpen­systeme sind Penis­aufsätze, die einen Unter­druck erzeugen. Dadurch wird ein Blut­stau und folglich eine Erektion hervorgerufen.
  • Schwellkörper­implantate werden operativ in den Penis eingesetzt und ermöglichen eine Erektion.

Welchen Einfluss hat eine Transplantation auf meine Zeugungs­fähigkeit?

  • Frauen erlangen in der Regel eine normale Menstruations­funktion und Frucht­barkeit sowie eine Stabilisierung des Hormon­spiegels schon ein paar Monate nach der Transplantation wieder.
  • Einige Immun­suppressiva reduzieren jedoch die Frucht­bar­keit von Frauen und Männern.

Welche Verhütungs­maßnahmen sollten getroffen werden, wenn ich nicht schwanger werden möchte?

  • Für Transplantierte ist die Empfängnis­verhütung mit Kondomen oder Diaphragmen die sicherste Option.
  • Die Einnahme von niedrig­dosierten oralen Empfängnis­verhütungs­mitteln („Pille“) ist möglich; ABER: Lassen Sie sich über ein ggf. erhöhtes Risiko für Blut­gerinnsel, Blut­hoch­druck, Magen-Darm-Probleme, Herz­krank­heiten und Depression sowie den fehlenden Schutz vor Geschlechts­krankheiten aufklären. Die Pille wirkt unter Immun­suppression nicht vollständig, daher wird immer zusätzlich die Ver­hütung mit einem Kondom empfohlen.

Ist eine Schwanger­schaft nach der Transplantation möglich?

  • Generell sollte frühzeitig mit dem Zentrum über einen Kinder­wunsch gesprochen werden, da einige Immun­suppressiva (z.B. Mycophenolat­mofetil, Everolimus/­Sirolimus) Fehl­bildungen des Fötus fördern und bei Männern vor allem ein er­höhtes Risiko für Fehl­bildungen der Spermien besteht. Bei einem Kinder­wunsch muss die Immun­suppression durch das Zentrum entsprechend angepasst werden. Eine erfolgreiche Schwanger­schaft ist nach Leber- und Nieren­transplantation trotz potenziell toxischer Wirkungen von immun­suppressiver Therapie möglich.
  • Da eine vollständige Organ­funktions­fähig­keit gewähr­leistet sein muss, sollte eine Schwanger­schaft die ersten zwölf Monate nach der Transplantation vermieden werden.

Lassen Sie sich durch Ihren Arzt aus­führlich beraten, damit die Schwangerschaft kontrolliert und komplikations­los verläuft.


Medizinische Voraussetzungen für eine Schwangerschaft:

  • Guter Allgemeinzustand
  • Stabile Organfunktion (keine akuten oder kürzlich erfolgten Abstoßungsreaktionen)
  • Unauffälliger Ultraschallbefund des Transplantats
  • Stabile Immunsuppression
  • Normaler Blutdruck oder gut therapierter hoher Blutdruck
  • Gute Nierenfunktion
  • Kein Eiweiß im Urin
  • Normaler Harnabfluss
  • Normaler Blutzuckerspiegel oder gut eingestellter Diabetes
  • Eine enge Zusammenarbeit von verschiedenen Fachärzten und dem Transplantationszentrum ist für die Planung einer Schwangerschaft notwendig

Einige Immunsuppressiva werden in der Muttermilch angereichert, daher sollte das Stillen mit dem behandelnden Arzt abgeklärt werden (Risiken und Vorteile).

Was ist für ein gesundes Sexual­leben noch zu beachten?

  • Die tägliche Intim­hygiene ist das A und O, um das Risiko für bakterielle, virale oder durch Pilze hervor­gerufene Infektionen zu verringern (z.B. zur Vor­beugung von auf­steigenden Infektionen über die Harnwege).


Folgende Schutz­maßnahmen können Sie treffen:

  • Waschrichtung von vorne nach hinten (um zu vermeiden, dass Darm­keime in die Harn­wege gelangen)
  • Hygienische Wasch­hilfs­mittel (über 60°C waschen oder Einmal­wasch­lappen verwenden)
  • Gute Hygiene von Dauer­kathetern
  • Gründliche Intim­hygiene auch des Partners
  • Bei Infektionen ggf. Behandlung beider Geschlechts­partner notwendig: wechsel­seitige Ansteckungsgefahr
  • Verwendung von Kondomen mit Spermiziden
  • Vermeidung von wechselnden Sexual­partnern
  • Vermeidung von Geschlechts­verkehr bei erhöhter Infektions­gefahr durch Ihren Partner

Sollten Sie Anzeichen (Rötung, Juckreiz, Brennen beim Wasser­lassen) von Infektionen haben, konsultieren Sie Ihren Arzt.