Xenotransplantation – Hintergründe, Vorteile und Risiken
Die Transplantation von Geweben und Organen kann schwerkranken Menschen die Chance auf ein zweites Leben geben. Allerdings gibt es in Deutschland nicht genug Organspender*innen, um den großen Bedarf an benötigten Organen zu decken, sodass viele Betroffene zum Teil mehrere Jahre auf eine Transplantation warten müssen.1 Zukünftig könnten moderne Verfahren wie die Xenotransplantation helfen, die Verfügbarkeit von Organen zu erhöhen. Dabei handelt es sich um die Übertragung von lebenden Zellen, Geweben oder Organen zwischen verschiedenen Spezies, speziell von Tieren auf den Menschen.2
Historische Entwicklung der Xenotransplantation
Bereits in Überlieferungen aus vorchristlicher Zeit taucht die Idee der Xenotransplantation auf. Doch bis zu den ersten Übertragungen vollständiger Organe war es ein langer Weg. Zunächst beschränkten sich die Konzepte und Versuche der Xenotransplantation auf Zellen und Gewebe.3 Erste Versuche von Xenotransplantationen mit Organen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchgeführt. Dabei stand die Übertragung von Nieren im Vordergrund. Die Erfolge waren jedoch gering, da zu damaliger Zeit die Kenntnisse und Möglichkeiten zur Immunsuppression fehlten (siehe „Immunsuppressive Therapie“). So nahmen die Bemühungen in den 1920er-Jahren wieder ab und ruhten für ungefähr 40 Jahre – bis in den 1960er-Jahren mit den ersten erfolgreichen Mensch-zu-Mensch-Transplantationen (auch allogene Transplantation genannt) erneut das Interesse an der Xenotransplantation aufflammte.3
Als erste erfolgreiche Xenotransplantation wird die Übertragung von Schimpansen-Nieren in sechs Patient*innen im Jahr 1963 beschrieben (siehe „Erfolgreiche Transplantationen“). Im darauffolgenden Jahr wurde erstmals die Transplantation eines Schimpansenherzens getestet, jedoch schlug das Herz nur noch für etwa zwei Stunden.3 Später folgten Versuche von Xenotransplantationen anderer Organe, z. B. der Leber. Während zu Beginn der Forschung in erster Linie Primaten als geeignet für die Organspende angesehen wurden, hat sich inzwischen das Schwein für die Xenotransplantation durchgesetzt. Heute ist die Xenotransplantation von Schweinenieren und -herzen am weitesten entwickelt.4,5 Weniger kompliziert und daher bereits heute ein gängiges Verfahren ist die Transplantation von Herzklappen aus Schweine- oder Rinderherzen.2
Medizinische Fortschritte bei der Nieren-Xenotransplantation
Erfolgreiche Transplantationen
Als erste erfolgreiche Xenotransplantation überhaupt gilt die im Jahr 1963 in den USA durchgeführte Übertragung von Schimpansen-Nieren auf sechs Personen mit dauerhaftem Nierenversagen. Die Empfänger*innen überlebten mit den artfremden Organen für elf Tage bis neun Monate.6
Gegen Ende der 1990er-Jahre wurden strengere Regularien und stärkere Einschränkungen der Versuche zur Xenotransplantation beim Menschen eingeführt. Zunächst sollten Studien mit Schwein-zu-Primaten-Transplantationen ausreichend Hinweise für den Erfolg solcher Xenotransplantationen liefern.3 Daher werden auch aktuell Machbarkeit und Sicherheit der Nieren-Xenotransplantation überwiegend in solchen Forschungsmodellen untersucht. Im Jahr 2023 berichteten Forschende von einem Affen, der mit einer genveränderten (siehe „Optimierung durch Gentechnik“) Schweineniere eine Überlebenszeit von zwei Jahren erreichte – das bis dahin beste Ergebnis.7
In den USA wurde zudem im Rahmen eines Härtefallprogramms in den Jahren 2022 und 2024 insgesamt drei Menschen mit Nierenversagen im Endstadium eine genveränderte Schweineniere transplantiert.8
Optimierung durch Gentechnik
Die Unterschiede der Gewebemerkmale zwischen Schweinen und Menschen sind weitaus größer als bei einer Transplantation zwischen zwei Menschen. Dies hätte eine besonders starke Abstoßungsreaktion gegen das transplantierte Organ zur Folge. Außerdem enthält die Erbinformation von Schweinen häufig auch die genetische Information bestimmter Viren, die bei einer Xenotransplantation eine Infektion bei den Empfänger*innen auslösen könnten (siehe „Gefahr der Abstoßung und Infektion“). Um diese Hindernisse zu beseitigen, werden Schweine gezielt genetisch verändert. Durch die weitere Züchtung werden Nachkommen geboren, die alle dieselben genetischen Veränderungen aufweisen. Das Ausschalten und Einbringen von Genen ist mit den Fortschritten der Gentechnik in den letzten Jahrzehnten deutlich einfacher geworden und hat die Xenotransplantation entscheidend vorangebracht.2
Vorteile und Risiken der Xenotransplantation
Einerseits könnte die Xenotransplantation in der Zukunft den bestehenden großen Mangel an Spenderorganen und -geweben zumindest teilweise beheben. Andererseits ist dieses Verfahren, neben ethischen Aspekten, mit nicht unerheblichen Risiken verbunden.
Geeignete Spenderorgane
Damit ein Organ für eine Xenotransplantation geeignet ist, müssen verschiedene Bedingungen erfüllt sein. Dazu gehört, dass spezielle genetische Veränderungen vorliegen, die das Risiko einer Transplantatabstoßung reduzieren (siehe „Optimierung durch Gentechnik“). Des Weiteren muss die Größe des Spenderorgans in etwa mit der des menschlichen Organs übereinstimmen. Schließlich muss durch eine entsprechende Tierhaltung und ggf. durch gentechnische Maßnahmen gewährleistet sein, dass das Spenderorgan frei von Krankheitserregern ist, die nach der Transplantation eine Infektion auslösen könnten.2
Die Forschung hat gezeigt, dass Nieren und Herzen von Schweinen diese Kriterien erfüllen und somit als Spenderorgane geeignet sein können. Aus diesem Grund ist die Xenotransplantation dieser Organe am weitesten entwickelt. Daneben könnten aber auch die Leber und Bauchspeicheldrüse (Pankreas) von Schweinen für die Xenotransplantation infrage kommen. Neben diesen Organen wird auch an der Transplantation von Gewebe, z. B. Hornhaut des Auges, oder bestimmten Zellen geforscht. Dazu gehören Insulin-produzierende Inselzellen zur Behandlung von Personen mit Diabetes oder Dopamin-produzierende Zellen für Menschen mit Parkinson.2,3
Gefahr der Abstoßung und Infektion
Die Durchführung der Xenotransplantation ist mit zwei wesentlichen Risiken verbunden: der Gefahr einer Abstoßungsreaktion und einer Übertragung von Krankheitserregern.
Im Vergleich zu einer Transplantation zwischen zwei Menschen ist die Xenotransplantation in der Regel mit einer schnelleren und heftigeren Abstoßungsreaktion verbunden.5 Dabei spielt das sogenannte angeborene Immunsystem eine wichtige Rolle.9 Um das Risiko der Transplantatabstoßung zu verringern, werden zum einen spendende Schweine genetisch verändert (siehe „Optimierung durch Gentechnik“) und zum anderen neue Therapien zur Unterdrückung des Immunsystems (Immunsuppressiva) entwickelt.9
Ähnlich wie bei einer menschlichen Organspende, können bei einer tierischen Spende krankheitsverursachende Mikroorganismen übertragen werden. Eine Infektion der Transplantierten kann unter Umständen tödliche Folgen haben. Einige dieser Erreger können durch die Züchtung oder den Einsatz von Antibiotika im Vorfeld beseitigt werden. Um die Übertragung bestimmter Viren zu verhindern, werden mitunter Schweine mit speziellen genetischen Veränderungen gezüchtet und die Tiere in einer Umgebung gehalten, die gesichert frei von Krankheitserregern ist. Letztendlich muss vor einer Xenotransplantation mithilfe sensitiver Nachweismethoden sichergestellt werden, dass das Spenderorgan frei von Mikroorganismen, insbesondere von Viren, ist.4,9
Zukunft der Xenotransplantation
Klinische Studien
In den letzten Jahrzehnten konnten bereits bedeutende Fortschritte in verschiedenen Teilgebieten der Xenotransplantation erzielt werden. Für eine behördliche Zulassung muss die Wirksamkeit und Sicherheit der Xenotransplantation allerdings zunächst im Rahmen von klinischen Studien bei einer ausreichenden Anzahl an Erkrankten gezeigt werden.4
Anfang 2025 hat die amerikanische Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) den Weg für eine erste klinische Studie zur Nieren-Xenotransplantation freigegeben. Dabei sollen zunächst sechs Personen, die unter einem Nierenversagen der Endstufe leiden, eine Niere von genetisch optimierten Schweinen erhalten. Bei ausreichender Funktionalität und Sicherheit ist geplant, im weiteren Verlauf bis zu 50 Patient*innen zu transplantieren.10
Eine erste klinische Pilot&syh;studie zur Xenotransplantation in Deutschland wird ab etwa 2026 erwartet. Dabei soll die Übertragung von Schweineherzen auf Personen mit Herzschwäche im Endstadium erprobt werden.9
Langfristige Ziele
In Zukunft könnte die Xenotransplantation dabei helfen, die Lücke zwischen der Anzahl an verfügbaren menschlichen Spenderorganen und der Anzahl an Personen auf den Wartelisten zu verkleinern. Dabei wäre die Nutzung tierischer Organe sowohl als dauerhafte Lösung oder als Übergangslösung, bis ein geeignetes menschliches Spenderorgan gefunden wird, denkbar.4
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Fazit
In Forschungsmodellen wurden bereits große Fortschritte bei der Entwicklung und Erprobung der Xenotransplantation erzielt. Insbesondere die Transplantation von Nieren und Herzen nimmt eine Vorreiterstellung ein. In absehbarer Zukunft werden dann auch erste klinische Studien gestartet, die eine Voraussetzung für eine behördliche Zulassung der Xenotransplantation sind. Daneben müssen jedoch auch entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, bevor das Verfahren breite Anwendung finden kann.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
Abgesehen von der Transplantation tierischen Gewebes als Herzklappenersatz ist die Xenotransplantation in Deutschland bisher nicht als allgemeine Behandlungsmaßnahme zugelassen. Im Einzelfall kann eine Xenotransplantation jedoch als sogenannter individueller Heilversuch durchgeführt werden. Zu den Voraussetzungen dafür gehört, dass es sich um schwerkranke Patient*innen handelt, die keine Chance auf ein menschliches Spenderorgan haben, und für die keine alternative Behandlungsmöglichkeit existiert.4
Schweine sind aus verschiedenen Gründen besonders für die Xenotransplantation geeignet. Zum einen weisen sie eine große anatomische und physiologische Ähnlichkeit zum Menschen auf. Zum anderen ist das Schwein bereits jahrzehntelang als Nutztier akzeptiert und die Tierhaltung und Zucht sowie genetische Modifikation sind relativ einfach.4,5
Eine genaue Kostenprognose für die Xenotransplantation ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Sie ist auch davon abhängig, ob Zellen, ein Gewebe oder ein Organ transplantiert wird. Letztendlich tragen zahlreiche weitere Posten zu den Gesamtkosten bei, dazu gehören unter anderem die Kosten für die Operation sowie die Kosten für die anschließende Nachbeobachtung und lebenslange Behandlung mit immunsuppressiven Medikamenten.
Im Januar 2022 wurde in den USA erstmalig einem Menschen ein Schweineherz transplantiert.11 Jedoch ist diese Xenotransplantation noch nicht vollständig ausgereift und gehört weder in den USA noch in Deutschland zu den zugelassenen Standardverfahren.
- BZgA. Wartelistenführung und Vermittlung von Organen. 2025. https://www.organspende-info.de/organspende/ablauf-einer-organspende/wartelisten-vermittlung-transplantation/, abgerufen am: 04.02.2025
- DocCheck Flexikon. Xenotransplantation. 2024. https://flexikon.doccheck.com/de/Xenotransplantation, abgerufen am: 04.02.2025
- Siems C, Huddleston S, John R. A brief history of xenotransplantation. Ann Thorac Surg 2022;113(3):706-10
- Kamla C-E, Längin M, Reichart B, et al. Kardiale Xenotransplantation in Deutschland. Zeitschrift für Herz-,Thorax- und Gefäßchirurgie 2024;38(2):95-102
- Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften. Xenotransplantation. 2025. https://www.drze.de/de/forschung-publikationen/im-blickpunkt/organtransplantation/module/xenotransplantation, abgerufen am: 05.02.2025
- Reemtsma K, McCracken BH, Schlegel JU, et al. Renal heterotransplantation in man. Ann Surg 1964;160(3):384-410
- Kozlov M. Monkey survives for two years after gene-edited pig-kidney transplant. Nature 2023;622(7983):437-8
- National Kidney Foundation. Breaking ground in transplantation: a new era with xenotransplantation. 2025. https://www.kidney.org/news-stories/breaking-ground-transplantation-new-era-xenotransplantation, abgerufen am: 07.02.2025
- Schmoeckel M, Längin M, Reichart B, et al. Xenotransplantation von Organen. Chirurgie (Heidelb) 2024;95(8):603-9
- Pressemitteilung United Therapeutics. United Therapeutics Corporation announces FDA clearance of its investigational new drug application for the ukidney xenotransplantation clinical trial. 2025. https://ir.unither.com/press-releases, abgerufen am: 07.02.2025
- Griffith BP, Goerlich CE, Singh AK, et al. Genetically modified porcine-to-human cardiac xenotransplantation. N Engl J Med 2022;387(1):35-44
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