Neue Hoffnung durch Cross-over-Nierenspende
Eine Nierentransplantation bedeutet für viele Patient*innen eine enorme Verbesserung ihrer Lebensqualität – oft ist es die einzige Möglichkeit, in ein selbstbestimmtes Leben ohne Dialyse zurückzukehren. Der Bedarf an gespendeten Nieren ist in Deutschland weiterhin sehr hoch. So warteten im Jahr 2024 etwa 6.000 Menschen auf eine Spenderniere1. Eine Alternative zur postmortalen Organspende stellt die Lebendnierenspende dar. Dabei können Verwandte 1. oder 2. Grades, Lebenspartner*innen oder nahestehende Personen mit eindeutigem Bezugsverhältnis einander eine Niere spenden (siehe „Lebendspende Voraussetzungen“). Eine besondere Situation ergibt sich für all diejenigen, die eigentlich eine zur Lebendspende bereite nahestehende Person hätten, mit der jedoch keine medizinische Kompatibilität besteht.
Für diesen Fall gibt es jedoch eine mögliche Lösung, die weltweit bereits vielen Menschen geholfen hat, in Deutschland jedoch bislang kaum etabliert ist: Die Crossover- oder Überkreuz-Lebendnierenspende. Dafür braucht es zwei Spender*innen-Empfänger*innen-Paare, die von den Gewebemerkmalen zueinander passen. Das bedeutet, dass Spender*in A für Empfänger*in B kompatibel ist, und gleichzeitig Empfänger*in A von Spender*in B ein lebensrettendes Organ erhält.
Für dieses Programm benötigt es Algorithmen, die Vergleiche medizinischer Daten wie der Blutgruppe, spezieller Antigene und Antikörperprofile, Alter und Körpergewicht übernehmen und so Crossover-Paare finden. Dafür fehlen in Deutschland bislang eine zentrale Datenbank und klare Strukturen.
Um den Weg für mehr Crossover-Spenden zu ebnen, wurde die Initiative der Crossover-Nierenspendeliste gegründet – ehrenamtlich, unabhängig und mit dem Ziel, ein funktionierendes Crossover-System zu etablieren. Die Initiative möchte eine bundesweite, anonymisierte Datenbank entwickeln, in die inkompatible Spender*innen-Empfänger*innen-Paare ihre medizinischen Daten eintragen können.
Ein professioneller Matching-Algorithmus, der ursprünglich an der Stanford Universität von Prof. Dr. Itai Ashlagi entwickelt wurde und bereits erfolgreich in internationalen Programmen im Einsatz ist, wurde für die deutsche Anwendung von der Mathematikerin Dr. Ágnes Cseh am Hasso-Plattner-Institut angepasst. Sie arbeitet seit Jahren mit führenden Wissenschaftler*innen wie Nobelpreisträger Prof. Dr. Alvin Roth zusammen, die weltweit etablierte Crossover-Organspendeprogramme aufgebaut haben.
Sobald der Algorithmus passende Paare findet, werden diese miteinander bekannt gemacht. Dies ist ein wichtiger Schritt, denn damit die Crossover-Spende auch gesetzlich erlaubt wird, muss eine persönliche Verbundenheit zwischen den Paaren entstehen. Erst danach folgen medizinische Untersuchungen in einer Klinik, und schließlich entscheiden beide Paare und ihre Ärzt*innen gemeinsam, ob sie den Weg der Crossover-Lebendspende gehen möchten. Die Teilnahme am Programm ist kostenfrei, alle Daten werden verschlüsselt, anonymisiert und streng vertraulich behandelt. Für Patient*innen und Angehörige eröffnet diese Initiative eine Hoffnung, die bislang oft unerreichbar war: die Chance auf ein passendes Organ, obwohl die direkte Lebendspende nicht möglich ist. Je mehr Paare an der Datenbank teilnehmen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, passende Matches zu finden. Wer selbst betroffen ist oder jemanden kennt, für den eine Crossover-Lebendspende infrage kommt, kann sich über die Webseite der Initiative informieren und anmelden. Jeder Eintrag bringt Deutschland einen Schritt näher an eine gerechtere und erfolgreichere Form der Organspende – und schenkt Betroffenen die Aussicht auf ein Leben ohne Dialyse.
Weitere Informationen finden Sie unter https://crossover-nierenspenderliste.de/
- Eurotransplant. 2024. https://statistics.eurotransplant.org/index.php?search_type=waiting+list&search (zuletzt abgerufen am 28.01.2026).
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